Der Reim stammt aus England und ist seit dem 19. Jahrhundert überliefert. Etwas Altes steht für die Herkunft, etwas Neues für die Zukunft, etwas Geliehenes für das Glück einer glücklichen Ehe und etwas Blaues für Treue. Eine fünfte Zeile über eine Münze im Schuh fehlt hierzulande meist.
Kaum ein Hochzeitsbrauch wird so oft zitiert und so selten vollständig wiedergegeben. Im englischen Original lautet er „Something old, something new, something borrowed, something blue, and a silver sixpence in her shoe" – fünf Elemente also, von denen bei uns nur vier ankommen.
Dieser Text erklärt, woher der Reim kommt, welche Bedeutung den einzelnen Stücken zugeschrieben wird und wie Paare ihn heute umsetzen. Er zeigt außerdem, welche praktischen Fragen sich stellen, wenn man ihn ernst nimmt – etwa die, wem das geliehene Stück zurückzugeben ist.
Wer den Brauch nicht übernehmen möchte, verliert nichts: Er ist ein Import, kein Bestandteil deutscher Hochzeitstradition. Er hat weder rechtliche noch kirchliche Bedeutung. Viele Paare picken sich ein oder zwei Elemente heraus. Auch das ist eine vollständig gültige Variante.
1. Herkunft und der vollständige Wortlaut
Der Reim ist im 19. Jahrhundert in England schriftlich fassbar und wird traditionell mit der Grafschaft Lancashire in Verbindung gebracht. Er gehört damit in eine Zeit, in der zahlreiche Hochzeitsbräuche erstmals gesammelt und veröffentlicht wurden – nicht unbedingt in die Zeit, in der sie entstanden sind. Ältere Wurzeln werden oft behauptet, lassen sich aber nicht belegen.
Vollständig lautet er in der bekanntesten Fassung: etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes, etwas Blaues und eine silberne Sixpence-Münze im Schuh. Die Münze steht für Wohlstand; sie fehlt in der deutschen Übernahme fast immer, weil es die Münze hier nie gab und der Reim ohne sie besser klingt.
Nach Deutschland kam der Brauch im 20. Jahrhundert über Filme, Zeitschriften und später über Hochzeitsblogs. Er ist damit ein junger Import, ähnlich wie der Brautstraußwurf oder das Strumpfband. Wer ihn übernimmt, führt keine Familientradition fort, sondern schließt sich einer weit verbreiteten Gewohnheit an – was für die meisten Paare völlig ausreicht.
Interessant ist, warum er sich gehalten hat, während viele ältere Bräuche verschwunden sind. Der Reim verlangt nichts Öffentliches: keine Aufstellung, keinen Wurf, keine Rede. Er läuft im Privaten ab, kostet nichts und lässt sich beliebig auslegen. Genau diese Eigenschaften machen ihn anschlussfähig für Paare, die mit lautstarken Bräuchen wenig anfangen können.
Vier Gegenstände, vier Beziehungen: zur Herkunft, zur Zukunft, zu einem Menschen, zu einer Zusage.
2. Was die vier Elemente bedeuten
Die Zuschreibungen sind über die Zeit erstaunlich stabil geblieben. Diese Übersicht fasst zusammen, was jeweils gemeint ist und was in der Praxis dafür verwendet wird:
| Element | Zugeschriebene Bedeutung | Typische Umsetzung |
|---|---|---|
| Etwas Altes | Verbindung zur Herkunft und zur Familie | Schmuck der Großmutter, Spitze aus einem alten Kleid, ein Taschentuch |
| Etwas Neues | Optimismus für das gemeinsame Leben | Das Kleid selbst, Schuhe, Ohrringe, Ringe |
| Etwas Geliehenes | Glück, das von einer glücklichen Ehe übergeht | Schmuck oder Schleier einer verheirateten Freundin |
| Etwas Blaues | Treue und Beständigkeit | Strumpfband, Band im Saum, blaue Naht, Blüte im Strauß |
| Münze im Schuh | Wohlstand | Wird hierzulande meist weggelassen oder durch eine Cent-Münze ersetzt |
Die Farbe Blau hat dabei die längste eigene Geschichte. Sie galt in Europa lange als Farbe der Treue, unter anderem in der Mariendarstellung. Vor der Durchsetzung des weißen Brautkleids war sie zudem eine verbreitete Farbe für Hochzeitskleidung. Der Reim greift also eine Symbolik auf, die älter ist als er selbst.
3. Umsetzung, die nicht aufgesetzt wirkt
Der häufigste Fehler ist, für alle vier Elemente etwas zu kaufen. Damit ist die Idee erledigt, denn drei der vier leben davon, dass sie eine Geschichte haben. Sinnvoller ist die umgekehrte Reihenfolge: erst schauen, was ohnehin da ist, dann die Lücken füllen.
- Alt: Fast jede Familie hat etwas – ein Schmuckstück, ein Foto, ein Stück Stoff. Wenn nichts vorhanden ist, tut es ein Gegenstand aus der eigenen Geschichte: ein Anhänger aus der Jugend, ein Buch, ein Erbstück eines Freundes.
- Neu: Das ist der einfachste Punkt, weil ohnehin etwas neu gekauft wird. Man muss dafür nichts zusätzlich besorgen.
- Geliehen: Hier zählt die Person, nicht das Objekt. Ein einfacher Haarkamm einer Freundin, deren Ehe man bewundert, wiegt mehr als teurer Schmuck einer entfernten Bekannten.
- Blau: Am unauffälligsten im Saum, im Strumpfband, als Band um den Strauß oder als Naht auf der Schuhsohle. Auch der Nagellack zählt.
Für Bräutigame gilt der Reim traditionell nicht, was ihn unnötig einseitig macht. Manche Paare wenden ihn deshalb auf beide an – die alte Uhr des Vaters, neue Manschettenknöpfe, geliehene Krawattennadel, blaue Socken. Der Brauch verliert dadurch nichts.
Eine praktische Regel für das geliehene Stück: Es wird zeitnah zurückgegeben. Wer es vergisst, verwandelt eine Geste in eine unangenehme Erinnerung. Zwei Sätze am Tag danach genügen, um zu klären, wann und wie es zurückkommt.
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4. Varianten und moderne Auslegungen
Weil der Reim keine Vorschriften macht, lässt er sich fast beliebig auslegen. Vier Varianten, die häufig zu sehen sind:
- Alles in einem Stück: Ein altes Schmuckstück, das neu gefasst wurde, von einer Freundin geliehen wird und einen blauen Stein trägt. Die eleganteste Lösung, wenn man ein passendes Objekt hat.
- Vier Personen, vier Stücke: Mutter, Schwester, beste Freundin und Großmutter steuern je ein Element bei. Wer sie am Morgen der Hochzeit überreicht, hat einen ruhigen Moment vor dem Trubel.
- Unsichtbar: Alles am oder im Kleid versteckt – im Saum eingenäht, an der Innenseite, als Bandschleife. Für Paare, die den Brauch mögen, aber nicht darüber sprechen wollen.
- Erinnerungsstück statt Symbol: Ein Stück Stoff eines verstorbenen Elternteils, ein Foto im Strauß, eine eingenähte Widmung. Diese Variante nimmt dem Reim das Spielerische und gibt ihm Gewicht.
Wer Kinder hat, bindet sie an dieser Stelle leicht ein: Das geliehene Stück kommt vom Kind, oder ein blaues Band wird gemeinsam ausgesucht. Das ist unaufwendig und funktioniert auch bei kleinen Feiern, bei denen es sonst kaum Rollen für Kinder gibt.
Und schließlich lässt sich das Ganze umkehren: Statt vier Dinge zu tragen, verschenken manche Paare am Tag danach eines davon weiter – das geliehene Stück an die nächste Person im Freundeskreis, die heiratet. Damit entsteht eine kleine Kette, die über Jahre trägt.
5. Weglassen, abwandeln, vergessen
Der Brauch verlangt niemandem etwas ab. Das ist seine Stärke. Wer ihn weglassen möchte, muss nichts erklären. Es gibt keine Zeremonie, in der er vorkommt. Niemand wird bemerken, dass etwas fehlt.
Wer ihn abwandeln möchte, hat freie Hand. Verbreitete Abwandlungen sind „etwas Selbstgemachtes" statt „etwas Neues", „etwas aus jeder Familie" statt „etwas Geliehenes" oder eine ganz eigene Farbe, wenn Blau nicht zum Konzept passt. Der Reim ist keine Formel, deren Bestandteile aufgehen müssen.
Was regelmäßig passiert: Man vergisst am Morgen ein Element. Das ist kein Problem und im Nachhinein oft die beste Geschichte des Tages. Wer sichergehen will, legt die vier Dinge am Vorabend zusammen an eine Stelle – in dieselbe Tasche, in der auch Ringe, Papiere und das kleine Notfallset liegen.
Für Paare, die den Ablauf des Tages ohnehin dokumentieren, ist das ein natürlicher Punkt in der Vorbereitungsliste. Viele halten diese Details, vom Zeitplan bis zu den Zuständigkeiten, gebündelt auf ihrer Hochzeitswebsite fest, damit auch Trauzeugen und Familie wissen, was wo hingehört.
Wer den Brauch als Erinnerung behalten möchte, macht am Morgen ein einzelnes Foto der vier Dinge nebeneinander, bevor sie im Kleid, im Haar und in der Tasche verschwinden. Es ist ein Bild, das später niemand mehr nachstellen kann. Es dauert dreißig Sekunden – deutlich weniger, als die Suche nach dem verlegten blauen Band am selben Morgen gedauert hätte.
Der Reim ist ein freundlicher Brauch ohne Verpflichtung: vier kleine Gegenstände, die je eine Beziehung sichtbar machen. Wer ihn übernimmt, sollte bei den Stücken auf Geschichte statt auf Neukauf setzen – dann trägt er. Als Nächstes lohnt der Blick auf die anderen Glücksbringer, die zur Hochzeit üblich sind; sie folgen derselben Logik.
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